Drachen

Drachensteigen lassen bedeutet in der Regel eine Reihe von Assoziationen aus der Kindheit: kein Wind, kilometerlanges Laufen, bis daß der Vogel endlich oben war, noch mehr Kilometer Schnursalat, wenn der Drachen irgendwo am Horizont abstürzte und mir nichts anderes übrig blieb, als die Schnur als Verlust abzuschreiben, weil sie sich so dermaßen in der Botanik verheddert hatte.

Ich habe mich damals nach ca. 3 Tagen lieber meiner Spielkonsole zugewandt. Das mit den Drachen - das war ja albern. Ich war 9, da gab es erheblich wichtigere Dinge, die zu erforschen waren.

Vor ca. 5 Jahren kam ich dann zum Lenkdrachen wie die Jungfrau zum Kinde. Das ist bitte nur als Metapher zu verstehen.

Ein Bekannter hatte sich im Urlaub einen billigen Lenkdrachen gekauft und infizierte mich mit seinem leicht fiebrigen Glanz in den Augen. Ich dachte mir eigentlich gar nichts dabei, mal mit ihm auf die Wiese zu gehen und mir das anzuschauen. Ja, schönes Teil. So groß und doch so leicht. Hmmm, zwei Schnüre ? Ach so, lenken kann man den. Soso. Erstaunlich, wie das "Dingen" so leicht in die Luft zu bekommen war. Und das, obwohl hier doch sogar zwei Schnüre für die Lenkung vorhanden waren. Sah nett aus, aber sonst ... Bis ich selbst einmal fliegen durfte. Was im Klartext hieß, ich hielt plötzlich beide Griffe samt Schnüren in den Händen. Es war so einfach ... und mir war, als klickte in mir selbst etwas um. Von da an war ich irgendwie nicht mehr von dieser Welt, vielleicht sogar noch weniger als sonst. Und das war nicht ungefährlich.

Innerhalb kürzester Zeit besaß ich 3 Lenkdrachen im Wert von ca. viel zuviel Geld, mein Umfeld reagierte mit Unverständnis. Das teuerstes Schätzchen war ein "Trick - Tail" dem ich nie gerecht wurde. Ich mußte ihn aber haben, weil er so schön anzusehen war. Es ist eine spezielle Spezies, diese Gilde von Trickspezialisten, die ich gleich in die Kategorie der Indoor - Flieger einsortiere. Ja, ich konnte es selbst kaum glauben: es gibt Menschen, die fliegen sogar in Hallen - ohne Wind. Dort werden sogar Meisterschaften ausgetragen. Mittlerweile besitze ich sechs Drachen.

Mich faszinieren die "echten" Drachen, die gar nicht Wind genug haben können, um überhaupt aufzusteigen. Die in den Armen schmerzen, bei denen man sich gegenlehnen muß, um nicht zu stürzen, deren gewaltige Kraft mich manchmal einfach nur staunend lachen läßt.

Einmal wurde ich von einem recht fiesen Drachen erst einen halben Meter hoch- und dann ca. 15 Meter über die Wiese gezogen. Ich konnte einfach nicht loslassen, so sehr war ich mit Lachen und Beeindrucktsein beschäftigt. Bilanz: Ein paar Schürfwunden und blaue Flecken, eine kaputte Hose sowie ein zerissenes Phillip Boa T-Shirt.

Ich, halb schief im Wind, lachend auf einer Wiese, und am Himmel ein Drachen, der gehalten werden will. Wer kann sich das schon vorstellen. Eben - ist aber so.

Im Laufe der Monate nach meiner Infizierung habe ich regelrecht die Welt um mich herum vergessen, mich mit Dingen wie Windstärken, Carbonfasern, Spinacker, Beaufort, verschiedenen Stärken von Schnüren, den Meistern dieses Genres etc. befaßt. Man kennt Namen, deren Erwähnung schon nur mit einem Flüstern einhergehen - die Popidole dieses ... ja, wie soll ich es nennen ?! Sports ?

Man beginnt das Wetter anders wahrzunehmen. Ein Tag ohne genügend Wind ist ein verlorener Tag. Die Stärke der Bewegungen von Blättern und Ästen bekommt eine ganz neue Bedeutung. Wolkenformationen sind wie Kaffeesatzlesungen. Windgeschwindigkeiten werden in MpH gemessen, werden plötzlich meßbar, Windfenster schnell lokalisiert, vielleicht hätte ich zur See fahren sollen.

Jeder mag aus eigenen Gründen dieser Freizeitbeschäftigung nachgehen. Da gibt es die Historiker ( Rokkaku - Kampfdrachen), spleenige Bastler ( diese stellen sogenannte Einleiner her, denen man manches Mal einfach absprechen will, daß sie flugfähig sind, meistens Marke Eigenbau - "Fliecht datt ?!" "Klaa fliecht datt!"), die Extremisten ( Buggiefahrend, gezogen von Matten - Gleitschirmen nicht unähnlich) und jede Menge anderer Kategorien ... Und Menschen wie mich, die einfach nicht in klare Worte fassen können, was denn daran so aufregend sein soll.

Die Drachenflieger, denen ich mich am nächsten fühle, sind die, die ohne viel Worte, ohne Aufsehen, ohne "Schnickschnack" in der Hardware wie auch im Fliegen selbst, einfach und "normal" ihre Drachen fliegen lassen. Mit denen man vielleicht etwas gemeinsam hat. Die einfach süchtig danach sind im Wind zu stehen. Menschen, für die Drachenfliegen vielleicht mehr eine Philosophie denn Sportart darstellt. Die nicht viele Worte machen und denen der neueste Hype der Szene egal ist.

Der Kopf wird leer. Ich stehe auf der Wiese, schief, nach oben schauend. Sehe meinen Drachen am Horizont, weit weg vom Körper, meine Arme tun mir weh. Alles ist ganz leicht, keine Gedanken im Kopf, ich bin völlig leer. Zeit spielt eine untergeordnete Rolle. Gedanken hellen sich auf. Die Sonne lacht.

Meine Leidenschaft macht auch vor Winter oder Regen nicht halt. Wäre vielleicht der Vorteil der Abhärtung zu erwähnen. Aber das ist es natürlich nicht wirklich. Es ist irgendwie in mir drin. Der eine oder andere mag darüber lächeln, für mich ist es einfach eine Art der Entspannung, ein Baumelnlassen der Seele. Das Gefühl, fast nicht mehr vorhanden zu sein. Hört sich irre an, deshalb höre ich hier lieber auf.

Vielleicht ist es etwas, was sich einem erst im Erwachsenenalter erschließt. Vielleicht ist es ja auch nur ein Eintauchen in die eigene Kindheit.

Vielleicht ist es aber auch nur Träumerei ... eine der bunten, knatternden und flatternden Sorte.

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